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Tag 4

Ich stehe früh auf und will frühstücken, dann ein wenig üben. Doch auf dem Weg zum Frühstücksraum sehe ich vor dem Hotel den Van vom Radiosender geparkt. In der Lobby steht Jim, der Coproduzent mit einem TV-Team. Ich schaue nach, was los ist und Jim sagt: "Glück gehabt, wir wollten Dich eigentlich gerade im Schlafanzug im Hotelzimmer überraschen." Da müsst ihr aber früher aufstehen, Jungs. Aber auf meiner Etage wohnen mindestens noch drei andere Finalisten und so wird die arme Jenny tatsächlich noch verschlafen in ihrem Zimmer abgepasst. Die Hotelmanagerin konnte vorher überzeugt werden, dass dies nur zu ihrem Besten geschieht und hat nach kurzer Diskussion eine Schlüsselkarte rausgerückt. 
Der restliche Vormittag verläuft recht ruhig, ich kaufe mir in der Mall wieder einen neuen Schal (diesmal tatsächlich "made in Germany") und bereite mich im Hotel auf das Finale vor. Dann geht es zur Halle. Dort werden wir von Dave begrüßt und dann kommt alles ganz anders als wir uns das vorgestellt hatten. Denn er steht vor uns und verkündet: "Unsere Finalisten müssen beweisen, dass sie dem Streß eines Starlebens gewachsen sind. Darum fliegen wir jetzt mit Euch nach Nashville, dort wartet Arbeit auf Euch!" So geschieht es und wir fahren in zwei Bussen von KICKS Country zum Flughafen. In die kleine Chartermaschine der Comair passen wir 17 Kandidaten und die TV-Crew so gerade mal rein. In der Luft wird uns erklärt, was nun passiert: "Wir bringen Euch in den Wildhorse Saloon zu den CMT Most Wanted Live", wo ihr gemeinsam den neuen Brooks & Dunn-Hit "You Can´t Take The Honky Tonk Out Of The Girl" singen sollt. Die Band ist vor Ort, proben müsst ihr hier im Flugzeug. Ihr habt ungefähr zwei Stunden, hier sind die Texte, viel Erfolg!" Ich kenne das Lied, es läuft ja bei CMT und im Radio rauf und runter. Aber zwei Leute von uns haben es wohl noch nie gehört. Dafür hat Jim einen Ghettoblaster mit an Bord genommen und wir lassen die CD volle Möhre laufen, verteilen auch gleich die Textpassagen. Bei 17 Leuten bleibt da kaum mehr als ein Satz pro Sänger. Ich bin dran bei "People going nuts, looking for the groom" und natürlich im Refrain. Zwei Kameras filmen jede Bewegung, es ist total krass! Nach der Landung geht es sofort in den Wildhorse Saloon. Ich freue mich, mal wieder hier zu sein, besonders unter diesen Umständen! Moderator Cledus T. Judd sagt kurz hallo, und vor uns singt John Michael Montgomery ein Weihnachtslied, wie cool! Dann sind wir an der Reihe, ohne jemals mit der Band geprobt oder auch nur gesprochen zu haben. Dabei gab es heute vormittag eine Generalprobe, aber natürlich ohne uns. Es soll wohl alles nicht so perfekt rüberkommen. Die Band spielt glücklicherweise in der Originaltonart und alles klappt wie am Schnürchen. Ich wüsste aber schon gerne, ob man die Aufzeichnung wiederholt hätte, wenn wir uns grob versungen hätten. Am Samstag wird die Sendung dann auf CMT in alle Kabelhaushalte ausgestrahlt. Wir sind superglücklich, müssen aber sofort wieder nach Atlanta, denn dort will man halbwegs pünktlich mit dem Finale anfangen. Das gelingt dann auch, trotz einigen Turbulenzen in der Luft. 
Ich bin als zehnter Teilnehmer dran, gebe brav meine Unterlagen und das Video ab. Wir werden wie gestern darauf hingewiesen, dass wir heute unsere Songs beide komplett singen können und dass die Jury jederzeit Wünsche äußern kann (andere Titel) und Fragen stellen darf. Wir mussten ja schon für die erste Runde einen heftigen Fragebogen ausfüllen und die Jury hat sich mittlerweile mit unseren Antworten vertraut gemacht. Die wollte wirklich alles von uns wissen.
Ich habe Glück und als ich an der Reihe bin, muß ich nicht wie manche anderen auf Wunsch der Jury einen Song aus meiner Kindheit singen oder meine Ansichten über die Kunst des Songschreibens äußern. Ich werde gefragt, was zur Zeit in meinem CD-Player läuft (seit gestern die neue Rascal Flatts Live-CD), wo ich meine Band gefunden habe, wenn Country in Deutschland so rar gesät ist (über Ralf, meinen Gitarristen) und wie ich so gut Englisch gelernt habe (Jay Leno). Ob ich es neun Wochen mit Fremden in einem Haus aushalten könnte? Klar, wenn das alles so talentierte Künstler sind auch gerne länger. Außerdem gewinne ich eine Wette gegen Teilnehmer Andrew Leanza, mit dem ich in der Mittagspause eine Session gespielt habe. Wir haben beide unsere Liebe zur Musik von Joshua Kadison, Elton John und Billy Joel festgestellt. Er hat gesagt: "Du traust Dich nicht, vor der Jury am Klavier das Intro von New York State Of Mind zu spielen, während Du Dich mit der Jury unterhälst." Ich beweise das Gegenteil und Andrew schuldet mir ein Bier. Ich folge dem Rat von Dave und will heute statt "Who´s Your Daddy" "Brokenheartsville" von Joe Nichols spielen. Doch als ich beginne, hört es sich so merkwürdig an. Ich fange an zu singen und denke: Da stimmt was nicht. Ich muß abbrechen und stelle fest, dass der Transposer am Keyboard eingeschaltet ist. Alles klingt drei Halbtöne tiefer als gewollt. Ich bringe das Keyboard in die Werkseinstellung und beginne von vorne. Nochmal gut gegangen. Nun noch Becky´s Song. Die Jury will wissen, wer denn diese Becky ist. Reiner Phantasiename, passte gut. Heute sitzen alle Finalisten links neben der Bühne im VIP-Bereich. Wir hören uns die anderen an und mir ist so klar wie schon in Runde eins: Hier kann ich einfach nicht zu den zwei Gewinnern gehören. Die Leute sind alle einfach nur top. Aber so weit gekommen zu sein ist schon eine Ehre. Gegen 19 Uhr sind wir durch und die Jury berät sich. Als die Richter wiederkommen, richten sie alle noch ein paar Worte an uns. Sie sagen uns, dass wir alle es in Nashville schaffen könnten. Das geht runter wie Öl, sind die Preisrichter doch allesamt Big Player der Plattenindustrie. Dann werden wir alle gemeinsam auf die Bühne gebeten. Die Kameras gehen wieder an und die Sieger werden bekanntgegeben: Theresa Wade hat es geschafft. Sie war heute als Erste dran und ich fand sie stark. Tolle Stimme und super Performance. Dann steigt die Spannung. Andrew Leanza, 19 Jahre und schon seit zwei Tagen mein Kumpel gewinnt als zweiter das Finale. Ich freue mich ehrlich für die beiden, sie haben es verdient. Besonders Andrew hat auch andere auf der Gitarre begleitet und uns immer bei Laune gehalten. Mir bleibt ja na noch die Hoffnung auf eine Wild Card, die die Produktionsfirma für die Regionals Ende Dezember vergibt und der erneute Versuch in Oklahoma. Dafür heißt es jetzt Koffer packen und morgen früh zum Flughafen. Vorher sind wir Finalisten aber VIP-Gäste beim Konzert von Faith Hill, das hier heute nacht stattfindet. So viel an einem Tag zu erleben, dass muss man erst mal verkraften.

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